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#1 23.08.2012 21:37

Jürgen Griego
Mitglied
Registriert: 22.08.2012

genetisch rein

Hallo

mich würde interessieren mit welchem Abstand Pflanzen der gleichen Art von verschiedenen Herkünften kultiviert werden müssen um eine Vermischung durch Fehlbestäubung zu vermeiden? Gibt es Erfahrungen zur Reichweite mit Pollen beladener Insekten? Konkret geht es um Anacamptis morio aus 2 benachbarten Landkreisen in Mittelhessen.

In früheren Zeiten war diese Art im Bereich der Mittelgebirge eine gemeine Art. Es erfolgte ein regelmäßiger genetischer Austausch. Die Art konnte höchst wahrscheinlich auch immer wieder neue Biotope erobern. So gab es wahrscheinlich eine regelmäßige genetische Durchmischung. Diese ist auf den wenigen, verbliebenen Standorten zumindestens sehr eingeschränkt. Wäre es evt. nicht sogar vorteilhaft solche, isoliert vorkommende Arten in Kultur genetisch zu vermischen?

Mich interessieren nicht nur Erfahrungen, sondern auch Meinungen zu der Problematik.

Grüße
JG

Beitrag geändert von Jürgen Griego (27.08.2012 19:44)

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#2 27.08.2012 10:37

Michael Burkart
Moderator
Registriert: 02.08.2012

Re: genetisch rein

Zur beiden Fragen gibt es nicht allzu viele belastbare Daten.
Die Pollentransportdistanz durch Blütenbesucher wurde nicht oft untersucht. Es gibt aber eine Studie an zwei heimischen Orchideen, Himantoglossum hircinum und Dactylorhiza sambucina (Kropf & Renner 2008, Oecologia 155: 497-508), die sich dieser Frage widmet. Die dort gefundenen maximalen Pollentransportdistanzen sind 6,90 m bei Himantoglossum (durch solitäre Bienen der Gattung Andrena) und 176 m (!) bei Dactylorhiza durch Hummeln. Da A. morio ebenfalls durch Hummeln bestäubt wird (eine Angabe aus Öland, gefunden in der Flora Baden-Württembergs, Band 8), muss man bei ihr wohl ebenfalls mit erheblichen Pollenausbreitungsdistanzen rechnen. In der Arbeit von Kropf & Renner gibt es auch eine Übersichtstabelle, aus der hervorgeht, dass zuvor nur einmal die Pollenausbreitungsdistanz bei einer „heimischen“ Orchidee untersucht wurde (Cypripedium calceolus, max. 23 m durch Bienen, eine Studie in Kanada, darum die Gänsefüßchen). Generell heißt es, dass größere Blütenbesucher auch weiter fliegen, und Hummeln sind ja ziemlich groß.
Andere Studien zeigen, dass Bienen Pollen bis zu 300 m weit transportieren (Neuseeland, Brassica rapus, Rader et al. 2011, Diversity and Distributions 17: 519-529), zwischen einzeln stehenden tropischen Bäumen sogar bis zu 4 km weit (Fuchs et al. 2011, Conservation Genetics 12: 175-185).
Die Frage, genetische Reinhaltung oder Mischung unterschiedlicher Herkünfte, wurde schon gelegentlich experimentell untersucht. Eine unveröffentlichte Studie vom Bodensee (Fischer & Mitarb., Ranunculus reptans) ergab, dass Ansiedlungen aus gemischten Herkünften nach 6 Jahren besser dastanden als nicht gemischte, wobei sich alle Ansiedlungen aber zuvor ähnlich entwickelt zu haben scheinen, bis es eine Winterdürre gab, die dann erst den Unterschied zum Vorschein brachte. Eine Studie in den Niederlanden an Arnica montana (Vergeer et al. 2005) und Succisa pratensis (Vergeer et al. 2004, beide Titel stehen schon in der Literaturliste) zeigte ebenfalls einen besseren Erfolg bei gemischter Herkunft, allerdings bei Succisa mit der Einschränkung, dass lokal angepasste Pflanzen noch besser gediehen. Für die Praxis heißt dass, wenn man lokal angepasstes Material hat, das genetisch noch einigermaßen divers zu sein scheint, nimmt man das; wenn nicht, stellt man aus möglichst diversen (also großen) Quellpopulationen einen möglichst vielfältigen Genpool zusammen und lässt dann die natürliche Selektion ihr Werk verrichten.
Wie genetisch divers Reliktpopulationen sind, ist nicht immer klar. Wir waren vor einigen Jahren ziemlich überrascht, als die kleinen bis kleinsten Reliktpopulationen von Scorzonera humilis in Brandenburg eine durchaus befriedigende genetische Diversität zeigten (Gemeinholzer & Mitarb., unpubl.).
Im konkreten Fall ist es für mich schwer abzuschätzen, ob Reinhalten oder Mischen besser ist. Was auch immer Sie machen werden: Es wäre prima, wenn die kurz- und langfristigen Resultate hier (wenn nicht sogar gedruckt) veröffentlicht würden! Wenn hier, dann gerne zunächst hier im Forum, und wir können die Daten dann ja sukzessive hinüber in den Block „Wiederansiedlung“ schaufeln.

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#3 27.08.2012 20:16

Jürgen Griego
Mitglied
Registriert: 22.08.2012

Re: genetisch rein

Danke für die ausführliche Antwort.
Die nachgezogenen morios stehen getopft in einem frostfreien Alpinhaus. Dadurch werden insbesondere winterliche Verluste durch Kahlfröste vermieden. Außerdem findet auch in der winterlichen Ruhezeit ein geringes Wachstum statt, welches die Pfanzen stärkt. Bisher ist nur die Nachzucht vom ersten Standort blühfähig. Daneben steht ein größerer Bestand italienischer Orchideen, darunter viele Anacamptis papilionacea und longicornu. Die Blütezeit hat sich bei diesen dreien überschnitten. Bei schönem Wetter flogen viele Hummeln durch die geöffneten Fenster ein und flogen kreuz und quer alle offenen Blüten an. Eigentlich wollte ich die nächste Nachzucht von Samen der kultivierten Pflanzen machen um den Standort zu schonen. Wegen der wahrscheinlichen Hybridisierung habe ich auf Aussaat dieses Jahr verzichtet und die Arbeit lieber in die Saat vom anderen Standort gesteckt.

Auf Dauer wird man in Kultur eine Vermischung mehrerer Herkünfte einer Art bei hummelbestäubten Spezies nur durch Aufstellung in mit Netzen bespannten Gestellen während der Blütezeit vermeiden können. Die Pflanzen müssten von Hand bestäubt werden, was einen recht hohen Aufwand bedeutet. Meiner Meinung nach sollten die verschiedenen Herkünfte soweit möglch separiert werden. Vermischen kann man später immer noch.

Beitrag geändert von Jürgen Griego (27.08.2012 20:18)

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#4 22.11.2015 11:57

Axel Schönhofer
Mitglied
Registriert: 22.11.2015

Re: genetisch rein

Hallo zusammen,
meiner Meinung nach ist die Vermischung von Herkünften bei Orchideen innerhalb einer Art sicher nicht so gravierend. Wir beobachten in Rheinhessen seit Jahrzehnten eine Zunahme von Himantoglossum und Ophry apifera, die sicherlich von der Erwärmung profitieren. Das staubfeine Saatgut wurde und wird durch den Wind überall hin getragen, daher kommt es wahrscheinlich auch zu einer Populations-Vermischung auf dieser Ebene.
Problematisch ist die geschilderte Hybridisierungs-Gefahr mit mediterranen Arten, die bei Orchideen sicher auch sehr hoch ist. Das Saatgut im Zweifelsfall zu verwerfen ist die sichere Variante.
Grüße!
Axel Schönhofer

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#5 06.03.2018 08:00

martingail
Mitglied
Registriert: 06.03.2018

Re: genetisch rein

Hello zusammen,
I am martin from UK.

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